Spahn will spar’n – Wir erheben unsere Stimme gegen RISG. Was bedeutet dieser Gesetzesentwurf für die Betroffenen und den akuten Fachkräftemangel in der Pflege?

Schon viel früher wollten wir einen Beitrag über das Thema „außerklinische Intensivpflege“ schreiben, da dieser Bereich zu unserem Kerngeschäft zählt. Seitdem nun heftig über den neuen Gesetzesentwurf (RISG) von Herrn Spahn debattiert wird, möchten wir nicht nur unsere Stimme gegen diesen Gesetzesentwurf erheben, sondern sehen uns in der Pflicht endlich für mehr Aufklärung zu sorgen. 

Mittlerweile hast auch Du sicherlich von dem Reha- und Intensivpflege-Stärkungsgesetz (RISG) gehört. 

In diesem Gesetzesentwurf schlägt unser Gesundheitsminister Jens Spahn vor, dass intensivpflichtige Patienten, die derzeit in ihrem zu Hause (1:1) versorgt werden, langfristig in Wohngruppen oder vollstationäre Einrichtungen verlegt werden und damit für immer ihr gewohntes Umfeld verlassen müssen. 

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/reha-und-intensivpflegestaerkungsgesetz.html

Aufklärung: Was bedeutet denn eigentlich „außerklinische Intensivpflege“?

Mit diesem Blogbeitrag möchten wir Dir nahe bringen, was 1:1 für die Betroffenen und ihre Angehörigen bedeutet und Dir einige grundlegenden Aspekte der außerklinischen Intensivpflege aufzeigen. 

Denn diese Art der Pflege ist vielen weder bekannt noch ein echter Begriff, obwohl sie  doch durch die deutliche Zunahme von betroffenen Patienten immer mehr an Bedeutung gewinnen sollte. 

Rund 80% unserer Kunden sind im Bereich der ambulanten Intensivpflege tätig und versorgen damit genau diese Patienten. Entsprechend haben wir nicht nur fundierte Kenntnisse über diese Art der Versorgungsform, sondern kennen auch die jeweiligen Hintergründe, weshalb sich Patienten und deren Angehörige, aber auch unserer Pflegefachkräfte, für genau diesen besonderen Bereich der Pflege entscheiden. 

Hier zunächst einige Begriffsabgrenzungen und Erklärungen: 

Ab wann ist man „intensiv“ pflegebedürftig?

Die „außerklinische Intensivpflege“ ist eine Versorgungsform für Patienten, die rund um die Uhr eine intensive medizinische und pflegerische Überwachung und Unterstützung benötigen. 

Dies kommt bei Patienten in Frage, die nicht mehr in einem Krankenhaus versorgt werden müssen, da sie weitestgehend stabil sind. Dennoch ist eine intensivmedizinische Versorgung bspw. auf Grund von akuter Erstickungsgefahr notwendig.

Es handelt sich hierbei also um einen hohen Pflegeaufwand der Patienten sowie um eine täglich umfassende Überwachung. 

Dabei geht es, je nach Krankheitsbild, um eine Rund-um-die-Uhr (24h) oder lediglich eine stundenweise geforderte Intensivversorgung. 

Welche Krankheitsbilder führen zu einer Intensivversorgung?

In der Regel sind die intensiv zu versorgenden Patienten tracheotomiert (Luftröhrenschnitt) und/oder beatmet. D.h., dass diese Patienten nicht mehr auf natürlichem Weg durch Mund oder Nase ein-, bzw. ausatmen können. 

Folgende Krankheiten können zu einer intensivpflichtigen Versorgung führen: 

  • ALS (Amyotrophe Lateralsklerose)
  • Angeborene Hirnschädigungen
  • Erworbene Hirnschädigungen
  • Folgen einer Frühgeburt
  • Hoher Querschnitt
  • Koma
  • Lungenerkrankungen
  • Wachkoma
  • Schädel-Hirn-Trauma 
  • Muskelatrophien
  • COP
  • Und weitere Krankheitsbilder 

Wie Du sicherlich festgestellt hast, können sowohl Kinder und junge Erwachsene, als auch ältere Patienten von Geburt an oder im Laufe ihres Lebens von dieser Versorgungsform betroffen und abhängig sein.

Wer übernimmt die Kosten?

Die Kosten für eine Versorgung in diesem Rahmen teilen sich in Leistungen der Kranken- und der Pflegekassen auf. 

Dabei werden in Kosten für die Grund- und Behandlungspflege sowie die hauswirtschaftliche Versorgung unterschieden. Die Behandlungspflege eines Intensivpatienten umfasst u.a. das Absaugen der Trachealkanüle, die Überwachung der Beatmungsmaschine, der Herzfrequenz und der Sauerstoffsättigung sowie die Wundversorgung durch einen ambulanten Intensivpflegedienst. 

Bei der Grundpflege geht es speziell um die Körperpflege, die Ernährung und die Mobilität des Patienten. 

Bei einem Patienten, der rund um die Uhr (24h) intensivpflichtig versorgt werden muss, liegen die Kosten im Monat bei bis zu 30.000€ pro Patient! 

Diese werden von der Krankenkasse des jeweiligen Patienten übernommen. Solche Zahlen lassen natürlich vermuten, dass die „Krankenkassenlobby“ immensen Druck auf die Politik ausübt, um Kosten zu senken. 

Unterscheidung Wohngruppe oder 1:1 Versorgung. 

Ist ein Patient, der im Krankenhaus behandelt und medikamentös eingestellt wurde, weitestgehend stabil, steht eine für ihn, aber auch für seine Angehörigen, wichtige Entscheidung an: 

Soll die weitere intensivmedizinische Versorgung in einer Wohngruppe oder dem eigenen zu Hause (1:1) stattfinden? 

Wohngruppe: 

Eine Wohngruppe kannst Du Dir wie eine „klassische WG“ vorstellen, in der Patienten ihr eigenes Zimmer haben und individuell gestalten können. Eine Wohngruppe darf maximal 12 Patienten unterbringen. Häufig wird eine Wohngruppe jedoch eher für weniger Patienten ausgelegt, um eine gemütliche und familiäre Atmosphäre zu schaffen. Der ambulante Intensivpflegedienst ist täglich mit einem Team aus Pflegefachkräften (abhängig von der Anzahl der Patienten) 24h vor Ort und betreut grund- und behandlungspflegerisch die Patienten. In Wohngruppen liegt der Pflegeschlüssel in der Regel bei 1:2 oder 1:3. D.h., dass eine Fachkraft für 2-3 Patienten zuständig ist.

Es gibt verschieden Gründe, weshalb sich Menschen für eine Wohngruppe aussprechen. Dies ist häufig dann der Fall, wenn die eigenen vier Wände nicht ausreichend Platz für diese aufwendige Art der Versorgung bieten oder einfach der nahe Kontakt zu anderen Betroffenen geschätzt wird, da sich viele Menschen eben in einer homogenen Gruppe wohler fühlen. 

1:1 Versorgung: 

Wie der Name vermuten lässt, wird in einer sogenannten 1:1 Versorgung ein Patient alleine von einer Pflegefachkraft versorgt. Im Schnitt kann ein Pflegedienst damit kalkulieren, dass er für eine Neuaufnahme eines Patienten, der zu Hause versorgt werden möchte, ca. 5,5 Pflegekräfte benötigt, um eine Rund-um-die-Uhr (24h) Versorgung gewährleisten zu können. 

Die Rechnung ist relativ simpel erklärbar: 24h x 7 (Tage pro Woche) x 4 (Wochen pro Monat) = 672 Stunden, die der Pflegedienst durch Pflegefachkräfte abdecken muss. Rechnet man noch Urlaub und eventuelle Krankheitstage der Pflegekräfte mit ein, ergibt dies ca. 5,5 Pflegekräfte.

Ein Team besteht dann also aus 5,5 Pflegefachkräften, die häufig in 12h Diensten (2-Schicht-System) arbeiten, um Unruhe und häufige Wechsel zu vermeiden. Das bedeutet, wenn sich der Patient dazu entscheidet in seinem privaten Umfeld versorgt zu werden, wird immer eine weitere Person täglich, und das rund um die Uhr, mit im eigenen Haushalt sein. Dieser Faktor muss natürlich auch mit den Angehörigen abgestimmt werden.

Die Gründe für diese Art der Versorgung liegen nahe. Patienten möchten bei ihrer Familie und in ihrem gewohnten und geliebten zu Hause bleiben. Sie möchten weiterhin ein selbstbestimmtes Leben führen, ihre Kinder aufwachsen sehen und an dem festhalten, was ihnen gehört und zusteht. Eine individuelle Versorgung ist sicherlich mit viel Aufwand und Kosten verbunden, gibt den betroffenen Menschen, die sich in dieser intensiven Lage befinden jedoch immens viel an Lebensqualität und „Normalität“ zurück. 

Fachkräftemangel in der Pflege.  

Wie Du sicherlich weißt, herrscht bei uns in Deutschland ein massiver Mangel an Pflegefachkräften. D.h. ganz einfach ausgedrückt: Es gibt zu wenig qualifiziertes Fachpersonal für zu viele pflegerisch zu versorgende Patienten. Durch den demographischen Wandel werden die Menschen immer älter und müssen daher zu Teilen auch viel länger pflegerisch versorgt werden. Die Medizin macht immer größere Fortschritte, sodass Menschen durch höhere medizinische Standards und Medikamente deutlich länger leben. 

In der Berufsgruppe „Pflege“ herrscht im Allgemeinen eine sehr hohe Fluktuationsrate und eine damit verbundene außergewöhnlich hohe Arbeitsunzufriedenheit. 

Nach der Erklärung über die 1:1 Versorgung von Patienten kannst Du erahnen, dass diese Versorgungsform natürlich einen extrem hohen „Verbrauch“ an qualifizierten Fachkräften hat. 

So ist in der Häuslichkeit eine Pflegekraft ausschließlich für einen Patienten zuständig.

Im Vergleich versorgen Pflegekräfte in vollstationären Einrichtungen teilweise rund 30 Patienten. Da liegt es für einen scheinbar unqualifizierten Gesundheitsminister nahe, der dem Fachkräftemangel entgegen wirken möchte, diesen Bereich der häuslichen Versorgung einzustampfen, um mehr Pflegekräfte auf mehr Menschen verteilen zu können.

So weit die rechnerische Theorie – jetzt zur Praxis. 

Betroffene gehen auf die Barrikaden: 

Mittlerweile gehen Betroffene immens auf die Barrikaden, weil sie Angst davor haben aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen zu werden.

„Lieber sterbe ich, als dass ich in’s Heim gehe“, heißt es von betroffenen Patienten, weil sie nicht nachvollziehen können, wie ein Gesundheitsminister sich das Recht heraus nehmen kann über ihre Würde und ihr komplettes Leben zu entscheiden. 

Pressemitteilung zum #RISG

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt es Herr Spahn, kennen Sie überhaupt das Grundgesetz?!

Durch ihren Entwurf werden Sie nicht nur Menschen von ihren Familien wegreißen, sondern auch Fortschritte im Krankheitsverlauf mindern. Fortschritte, die sich im Laufe der Zeit durch diese sehr intensive Pflege im gewohnten Umfeld bereits mehrfach deutlich bewährt haben. 

Sie werden voraussichtlich durch ihr neues Gesetz junge erwachsene Menschen dazu zwingen in vollstationäre Einrichtungen oder Wohngruppen zu gehen und sie damit in ihrer freien persönlichen Entwicklung und Sexualität einschränken! 

Pflegekräfte entscheiden sich bewusst für diese Versorgungsform.

Durch den täglichen Austausch mit unseren Bewerbern wissen wir genau, warum sich für die Pflege in einer 1:1 Versorgung, und damit klar gegen eine vollstationäre Versorgung entschieden wird. 

Sie möchten endlich wieder ausreichend Zeit für die individuell und qualitativ hochwertige Pflege ihrer Patienten haben. Ebenso verabschieden sich Pflegekräfte bewusst von der „Waschstraße“ im Krankenhaus oder Pflegeheim und werden daher wahrscheinlich eher der Pflege den Rücken kehren, als wieder stationär und auf „Masse“ arbeiten zu müssen. 

Herr Spahn, das Wort „Intensivpflege“ ist doch eigentlich nicht erklärungswürdig! Es lässt jeden direkt erkennen, dass eine intensive pflegerische Versorgung Voraussetzung ist und diese daher grundsätzlich einen höheren Schlüssel an Fachkräften bedarf. 

Unser Meinung nach werden wir durch diesen Gesetzesentwurf nicht nur Patienten und deren Angehörige zutiefst erschüttern, sondern gleichzeitig ein Dutzend an Pflegefachkräften verlieren. 

Herr Spahn, Sie gehen mit diesem Beschluss nicht nur in die komplett falsche Richtung, sondern tragen am Ende sogar noch dazu bei den Fachkräftemangel deutlich zu verschlimmern. 

WTF (What The Fuck!)- RISG!

Wenn Sie sich nur einmal bewusst mit den Gedanken und Gefühlen der Patienten, der Angehörigen, aber auch der Pflegefachkräfte auseinandergesetzt hätten, hätten Sie diesen Entschluss niemals zu Papier gebracht. 

Schützt eine finanzielle Gruppierung von kranken Menschen vor dem Missbrauch von schlechter Pflegequalität? 

Bevor der Fokus darauf gelegt wird, den Geldgürtel enger zu schnallen und somit vor Missbrauch durch schlechte und unqualifizierte Pflegedienste zu schützen, sollten Sie als Gesundheitsminister doch an oberste Stelle die Würde und Selbstbestimmtheit der Patienten setzen. Außerdem sollten gerade Sie ein Zeichen für mehr Wertschätzung und Anerkennung der Pflegekräften setzen, die nämlich den Fehler, den wir in unserem Gesundheitssystem haben, derzeit ausbaden müssen. 

http://www.haeusliche-pflege.net/Infopool/Nachrichten/DIGAB-warnt-vor-Abschaffung-der-ausserklinischen-Intensivpflege-1-1?fbclid=IwAR391mMIIHaNErV00MHKs9bUYWwLWZK1VI9qgJHJGrzPjudzXvP6-WsJy6o

Wir als MeMedix sehen uns in der Pflicht gegen diesen Gesetzesentwurf anzukämpfen, da wir genau wissen, weshalb die Fluktuation in der Pflege so hoch ist, weshalb wir immer noch zu wenig Nachwuchskräfte generieren und, weshalb die Pflegeberufe in Deutschland weiterhin ein zu schlechtes Image haben. 

Eine zukunftsorientierte, moralisch vertretbare und der Situation angemessene Denkweise würden wir uns dennoch auch sehr von unserem Gesundheitsminister wünschen. 

Eine bloße Systemumstellung beseitigt, auch rechnerisch, sicherlich nicht den akuten Fachkräftemangel, sondern trägt in unseren Augen eher dazu bei Fachkräfte zu verlieren und die Unzufriedenheit zu erhöhen. Unserer Meinung nach möchten Sie, Herr Spahn, lediglich Zahlen beschönigen und sehen nicht die eigentlichen Fehler im System. 

Herr Spahn, überlegen Sie doch noch einmal bitte, was genau Ihr Amt bedeutet, nämlich „Gesundheit zu fördern“ und hören Sie auf unnötigen Wind aufzuwirbeln. 

Wir bitten Dich als Leser: Erheb auch Du Deine Stimme gegen diesen Gesetzesentwurf. Denn am Ende kann es Jeden von uns treffen auf genau diese besondere und individuelle Art der Pflege angewiesen zu sein. Würdest Du dann freiwillig auf Dein Recht verzichten zu Hause bei Deinen Liebsten gepflegt zu werden oder gar dabei zusehen, wie ein Elternteil, Dein Partner, Schwester oder Bruder in ein Heim oder eine Wohngruppe abgeschoben wird? 

Traurige Gedanken, die Dich jetzt sicherlich auch zum Nachdenken anregen werden.

Ich hoffe, dass wir Dich nicht nur berühren, sondern auch für Aufklärung sorgen und für Aktionismus werben konnten.

Deine Vany